WAS IST INDIVIDUALPSYCHOLOGIE

Die Individualpsychologie ist eine von Alfred Adler (1911) begründete Tiefenpsychologie. Sie betrachtet den Menschen ganzheitlich (lat. Individuum = Unteilbare), als einzigartiges, soziales und zielgerichtetes Wesen – immer eingebettet in seine Beziehungen und seine Lebensumwelt. Im Zentrum steht die Annahme, dass jedes Verhalten einen Sinn hat und Ausdruck eines individuellen, meist unbewussten psychologischen Lebensstils ist – geprägt durch frühe Erfahrungen, der Bewertung jener und dem Streben nach Zugehörigkeit, Sicherheit und der Überwindung von gefühlten Minderwertigkeitsgefühlen.

Das Menschenbild der Individualpsychologie (= IP) betont nicht die Defizite, sondern legt den Fokus auf die Fähigkeiten, Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen. Sie erinnert ihn an seine Selbstverantwortung und macht deutlich, dass er frühere Erlebnisse neu bewerten und somit neue Erfahrungen machen kann. Die Grundhaltung in der IP basiert auf Ermutigung und Wertschätzung.

Die Individualpsychologie ist handlungsorientiert und praxisnahe. Seit ihrer Gründung findet sie Anwendung in Erziehung, Psychotherapie und Beratung.

Zentrale Konzepte der Individualpsychologie:

  • Finalität Der Mensch handelt zielgerichtet – bewusst & unbewusst.
  • Lebensstil: Sein Verhalten ist sinnvoll im Kontext seiner Erfahrungen.
  • Gemeinschaftsgefühl: Jeder Mensch strebt nach Zugehörigkeit und Bedeutung.
  • Schöpferische Kraft: Der Mensch verfügt über die Fähigkeit sein Leben zu gestalten.
  • Freier Wille: Der Mensch ist frei in seiner Entwicklung und seinen Entscheidungen.
  • Wertschätzung: Jeder Mensch ist gleichwertig, aber nicht gleichartig.
Wir erfahren die Wirklichkeit immer durch den Sinn, den wir ihr geben; nicht an sich, sondern als etwas bereits Gedeutetes

Alfred Adler, Menschenkenntnis (1927), S. 25f

Die Individualpsychologie ist eine Beziehungspsychologie

Der IP geht es um das tiefenpsychologische Verständnis menschlicher Beziehungen. Deswegen findet sie seit ihren Anfängen auch Anwendung in Beratung, Erziehung, Psychotherapie. In der Beziehungsgestaltung von jedem Einzelnen in seinem sozialen Feld berücksichtigt sie Affekte, intrapsychische Konflikte und Strukturen. 

Sie versucht, diese zu analysieren, auf wiederkehrende Merkmale hin zu beobachten und sie zueinander in Beziehung zu setzen. 
Adler sagte: „Wir beobachten an einem Menschen seine Gestaltung von Beziehungen. Es sind Haltungen/Bewegungen auf etwas zu oder von etwas weg.“ (Adler 1937)

Alle Probleme sind soziale Probleme. Jede Neurose ist der Versuch, ein Lebensproblem – Liebe, Arbeit oder Gemeinschaft – auf private Weise zu lösen

Alfred Adler, Wozu leben wir? (1931), S. 156f

Die Entstehung der Individualpsychologie

Adler galt als gebildeter und belesener Mensch, der sich neben Politik, Philosophie und Kulturwissenschaften auch für die Weltansicht des Sozialismus interessierte. Gleiches galt für seine Tätigkeit als Arzt, in der er sich für verschiedene Bereiche begeistern konnte und so veröffentlichte er bereits jung Artikel mit seinen Ansichten über die Gesellschaft. Sigmund Freuds Neugier für den jungen Mediziner war geweckt und er lud ihn ein.
1902 gehörte Adler dann zu den Gründungsmitgliedern der „Mittwochsgesellschaft“ von Freud. 1911 waren die großen inhaltlichen Differenzen zwischen den beiden nicht mehr zu vereinen und es kam zum Zerwürfnis. 

Der damaligen Einengung der Psychoanalyse auf einen rein triebpsychologischen Blickwinkel stellte Adler eine Betonung der sozialen Bezogenheit des Menschen entgegen. 

Damit entwickelte er früh eine beziehungstheoretische Akzentuierung der Psychoanalyse. Gleichzeitig war er historisch ein bedeutender Impulsgeber auch für die Entwicklung humanistischer Psychotherapieverfahren.
So gründete Adler seinen „Verein für freie Psychoanalyse“, aus dem 1913 der „Verein für Individualpsychologie“ hervorgegangen war.

Jedes Individuum stellt gleichzeitig eine einheitliche Persönlichkeit und die individuelle Gestaltung dieser geschlossenen Einheit dar.
Auf diese Weise ist jeder Mensch Bild und Künstler zugleich

Alfred Adler

Der Name „Individualpsychologie“

Alfred Adler ging in seinem Menschenbild von der Einheit der Persönlichkeit aus – vom Individuum –übersetzt „das Unteilbare“. Adler sah den Menschen im Spannungsfeld zwischen eigenen Bedürfnissen und den Forderungen der Gesellschaft, also in seinen Beziehungen zu den Mitmenschen. Die Einheit der Persönlichkeit eines Menschen ist in jeder einzelnen Lebensbewegung, seinem Lebensgefühl und seiner Welt-Sicht enthalten. Zugleich steckt in seinen Bewegungen auch der Versuch, seine Gefühle von Nichtzugehörigkeit und Minderwertigkeit zu überwinden. Schon von Geburt an richtet ein Mensch seine Lebensbewegung unbewusst auf ein Ziel hin aus (= Finalität). Im Verlauf des Heranwachsens bewertet das Individuum jede Fehlentwicklung, jede Krise, jedes Symptom und gibt ihm einen Sinn. Genau diese Bewertungen werden in der Psychotherapie und individualpsychologischen Beratung mit Betroffenen gemeinsam erschlossen.

 

Psychische Probleme und psychosomatische Erkrankungen verstehen wir immer als Ausdruck seelischer Not, unbewusster Konflikte und missglückter Selbstheilungsversuche. In den vielfältigen, individuell gestalteten Symptomen erkennen wir Überlebensstrategien, die sich nach innen (als für den Menschen selber) wie auch nach außen (für die Mitmenschen) zerstörerisch auswirken können. Indem wir versuchen, die Dynamik dieses Prozesses jedes Mal neu zu verstehen und die ihm innewohnenden schöpferische Kraft zu erkennen, können wir unseren Klienten und Patienten in Beratung und Psychotherapie helfen, neue Zusammenhänge in sich selbst zu entdecken und innerlich wie auch äußerlich neue Wege für ihr Leben zu finden.

Literaturtipps

Fangen wir mit Alfred Adler an. Es gibt etliche Bücher mit seinen Ideen, oft sind es allerdings Mitschriften seiner Anhämger und Schüler und sein Werk selbst ist „lebendig“ insofern, dass er die Begriffe im Laufe der Zeit ändert.

Man kann gut einsteigen mit „Menschenkenntnis“ (1927), „Der Sinn des Lebens“ (1933), oft günstig antiquarisch zu kaufen oder direkt bei fischer tb , wo es auch die Bücher „Neurosen„, „Lebensprobleme“ und „Lebenskenntnis“ gibt.

Zum Einstieg auch ein populärer Welt-Bestseller „Du musst nicht von allen gemocht werden“ von Fumitake Koga und Ichiro Kishimi, hier bei rowohlt. Ichiro Kishimi, geboren 1956, ist Philosoph in Kyoto und Vorsitzender der japanischen Alfred Adler-Gesellschaft.